
Was heute Onlinespielemagazine machen, mussten früher die Spielemagazine am Kiosk erst etablieren: Bewertungssysteme für den Spaß beim Spielen. Mal gehen sie von 1 bis 10 oder nach Schulnote oder der Klassiker: Prozentangaben. Wieso kommen Bücher, Filme, Lebensmittel und alle anderen Konsumgüter ohne diese Bewertung aus und werden trotzdem jeden Tag gekauft? Oder brauchen wir dieses Verfahren wie bei “Stiftung Warentest” für Spiele letztendlich doch?

DN3D bekommt 1996 in der PowerPlay 73% Spielspaß via kultboy.com
Der Ursprung der Spielespaß-Wertungen bei Rezensionen gab es bei Videospielen schon bei der Zeitschrift Video Games und auch viel länger bei Computerspielezeitschriften. Eine Erklärung für solche Wertungssysteme die auf Zahlen beruhen ist vielleicht die technische Herkunft des Mediums “Computerspiel”. Die Redakteure damals waren vermutlich genau so wie die Spieler Technikfreaks. Das merkt man vor allem an den sehr technisch-geschriebenen Reviews von damals. Und da liegt es nahe Testergebnisse in die Welt der Zahlen zu quetschen die man später vergleichen und Statistiken anfertigen kann. Hier für spricht auch, dass viele Zeitschriften regelmäßig solche Statistiken abgedruckt haben.
Vielleicht hat man sich auch gedacht, dass die damals eher jungen Leser einen Gegenwert dafür haben wollen, dass die Redakteure die Spiele kostenlos anspielen dürfen. Eine 90% oder einer 1- im Schulnotensystem lassen sich viel besser greifen als ein Fazit in dem steht: “Das Spiel ist sehr gut und besser als Spiel XY”. Zudem sind Videospiele im Verhältnis zu Büchern und Filmen ziemlich teuer. Nicht nur das Spiel selber sondern auch das komplette Equipment was dafür nötig ist um es überhaupt spielen zu können muss bezahlt werden. So muss ein Wing Commander 3 – Heart of the Tiger schon mindestens 80% abräumen, damit sich die 8 MB Arbeitspeicher mehr für 500 DM und das teure CD-ROM auch wirklich gelohnt haben. Und was ist mit dem Faktor Zeit? Manche Magazine haben sogar ihre Wertungen im Lauf der Seite angepasst um den inflationären Wertungen entgegen zu wirken. Denn wurde erstmal ein Spiel mit 97% bewertet wie damals von der Video Games “Super Mario World 2 – Yoshi’s Island” auf dem SNES dann bekommt man bei dem nächsten Hit-Spiel schon Probleme wenn das wider Erwarten noch besser gewesen ist.
Seiten wie MetaCritic.com oder GameRankings.com rechnen alle Wertungen der wichtigen Online-Magazine zusammen und stellen so eine nach durchschnittlichen Wertungen geordnete Liste zu Verfügung. Nun stellt sich die Frage, ob dieses System in Zeiten bei denen das Medium Videospiel immer mehr verschiedene Gruppen von Leuten wie Nichtspieler, Frauen, Hardcore-Gamer, Gelegenheitsspieler usw. anspricht überhaupt noch eine Relevanz hat. Denn eigentlich ist der Spaß den man beim Spielen empfindet – oder eben nicht – eine durch und durch subjektive Angelegenheit. Jedoch ist es meistens so, dass die größten Online-Magazine in etwa gleiche Bewertungen vergeben. Gamespot und IGN liegen immer relativ dich beieinander. Das sind dann immerhin zwei Meinungen von Leuten, die das Spiel schon mal gespielt haben und es vor allem in Relation zu anderen Titeln setzten können.
Vielleicht ist der wichtigste Grund der Daseinsberechtigung auch die Einfachheit des Systems. Es ist ziemlich simpel eine Zahl unter eine Spielerezension zu schreiben aber relativ schwer ein gute Begründung für diese Wertungen zu formulieren. Im Grunde liegt es am Leser selber wie stark ihn diese Wertung beeinflusst. Denn es ist ja nicht so, dass die Redakteure der Onlinemagazine zu den Zahlen keine Texte schreiben.

Wertungen sind für mich persönlich dennoch ein guter Anhaltspunkt. Hat ein Spiel 9/10 oder höhe bekommen, dann lese ich mir zumindest den entsprechenden Review durch.
Spiele wie Braid hätte ich ohne die hohe Wertung von 9.5 nicht mal angespielt
Und umgekehrt ignoriere ich alle Spiele unter 7/10 Punkten komplett. Zusätzlich benutze ich nur ein einziges Online-Spielemagazin als Referenz und kenne mittlerweile die Autoren und ihre Vorlieben sehr gut und weiß, dass diese sich mit den meinigen weitestgehendst decken. Denn wie will man ein Spiel wie Braid oder andere Indepenent-Spiele in ein Bewertungsraster drücken? Oder den Spaß, den man mit seinem ersten Videospiel gehabt hat – egal wie schlecht es gewesen ist.
Ich musste zum Beispiel “Alex Kidd in Miracle World” spielen – und fand es trotzdem gut. Heute weiß ich, dass das Spiel aus der Hölle kommt. So wie der Angry Video Game Nerd von Screwattack Michael Jackson’s Moonwalker auf dem Sega Mega Drive auseinander nimmt würde ich gerne Alex Kidd die kleinen Arme verbal ausreißen. Obwohl: Noch schlimmer als Michael Jackson’s Moonwalker auf dem MegaDrive ist Michael Jackson’s Moonwalker auf dem Master System II gewesen. Glaubt mir. Ich weiß wovon ich rede. Hätte ich damals bloß schon die Reviews gelesen.
Links
- Interview mit Gunar Lott auf – grindthatauthority.de
- Was sind 80% noch wert? – derWesten.de
- Der Spieletest ist tot von Boris Schneider-Johne - dreisechzig.net
- Stürme in Wassergläsern von Gunar Lott - kaliban.de
- Score this! Die Fabel vom Bewerten – coldheat.de
Dies ist überhaupt ein Grund gewesen Zahlen unter die langen Texte zu platzieren. Wer wirklich frühe Reviews findet, wird keine Zahlen sehen, nur eben lassen sich so keine Leser ködern. Ein US-Magazin hatte Ende der 90er kurzzeitig alle Zahlen rausgeschmissen und sehr detailierte Texte reingenommen. Die Leser waren empört und die Verkäufe blieben aus. Es hat auch viel damit zu tun, wie das Review dieses Mediums gewachsen ist und zwar primär mit relativ jungen Lesern, die mehr mit Zahlen und weniger mit Worten anfangen konnten/können.
Ich halte Zahlen für weit überholt, da Videospiele wie kein Medium zuvor in Genre und Konzept variieren. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Zu Power Play Zeiten hat das noch funktioniert, da es wenige Genres und eine ganz klare Demografie gab. 2009 jedoch hat solch ein Bewertungssystem locker 10 Jahre ausgedient.
Mein einziger Gradmesser für den Kauf neuer Spiele ist ein Internetforum. Da fallen die Reviews manchmal kurz aus (“this sucks”) aber alle die dort schreiben treffen zu 120% meinen spielerischen Geschmack. Nur sowas ist für mich noch ein funktionierender Gradmesser. Glücklicherweise hat ein Review generell 2009 weniger Bedeutung denn je. Dank YouTube und Demo-Versionen, darf man sich mehr denn je einen eigenen Eindruck verschaffen, der über einen Wortfetzen und eine Zahl hinaus geht.
Meine Antipathie gegen Reviews ist auch begründet auf die Demografie aktueller Tester, aber das ist jetzt ein völlig anderes Thema :)
Ein gutes Beispiel ist “The Maw”. Das Spiel wurde durchweg mit 7/10 bewertet. Also relativ schlecht. Ich habe es dennoch gekauft weil der Anfang gut ist und die Charaktere sympatisch. Leider baut das Spiel gegen Ende enorm ab. Das kann ich ohne Review nicht wissen und dabei ist The Maw nur ein sehr kurzes Spiel. Eine 7/10 sagt einfach mehr aus als jeder lange Text. Ich hätte es mir dann nicht gekauft.
Reine Neugier noch. Welches Online-Magazin ist denn für dich aktuell diese angesprochene Referenz?
Gamespot.com
Eine Site die ganz bewiesen nicht objektiv ist? Entliess doch Gamespot ein langjährigen Redakteur weil er das Spiel eines Werbepartners (meines erachtens zurecht) zerissen hat!
Hier der Link zu der Schande von Gamespot, oder wie man das ganze auch immer nennen will: http://kotaku.com/gaming/rumor/gamespot-editor-fired-over-kane–lynch-review-328244.php
Und seit ein Gamestar Redakteur offen gesagt hat was Sache in der Branche ist, dass es nur noch Preview Versionen mit entsprechenden Wertungsgarantien gibt, kann ich die ganzen professionellen Presse im Spielebereich nur noch bedingt ernst nehmen. Viel aussagekräftiger finde ich die gesammelte Meinung von Spielern selber.
Da lobe ich mir Magazine wie die Gee die komplett auf eine Wertung verzichten. Wenn ich ein Review schreibe mache ich es auch so. Ich halte es einfach so, dass ich versuche wirklich den Inhalt, die Atmosphäre etc. bestmöglich zu umschreiben und wenn möglich mit anderen bekannten Titel zu vergleichen, sofern möglich.
Ich weiss aber auch, dass grad bei grossen Magazinen oft die Wertung angeglichen wird, wenn sie von anderen Magazinen zu weit abweichen, ausser man entscheidet sich explizit davon abzuweichen. Die Versuchung rüber zu “spicken” was der andere geschrieben hat, ist sehr gross, schliesslich will man sich keine Blöse geben.
Das Blogs usw. keine Wertungen geben ist klar. Wäre auch irgendwie lächerlich. Es geht mehr um die Hand voll Hauptmagazine die das noch machen.
Gabs auch mal ein Interview mit dem Herrn Lott zu dem Thema.
Cool. Danke. Habe es jetzt auch im Artikel verlinkt!
wer alex kidd etwas antun will, tut auch mir etwas an – also nimm dich in zukunft im dunkeln in acht!
Herm, bei aller Liebe: Alex Kidd in Miracle World ist ein Alptraum von einem Videospiel: Die Musik, das Level”design”, das Glückspiel bei jedem Bosskampf (Stein, Schere, Papier)… man, man. Das war echt die Hölle
[...] Bewertung von Computer- und Videospielen ist und wird ein ewiges Thema bleiben. Marc versucht den Sinn dieser kleinen Ziffern zu finden, die immer als fixes Urteil gelten sollen. Das Medium [...]